Empfindsamkeit: Die Musikästhetik - Nachahmung und Ausdruck


Empfindsamkeit: Die Musikästhetik - Nachahmung und Ausdruck
Empfindsamkeit: Die Musikästhetik - Nachahmung und Ausdruck
 
Der galante und empfindsame Stil um die Mitte des 18. Jahrhunderts brachte gegenüber der Barockmusik Veränderungen mit sich, auf die auch die Musikästhetik der Zeit reagierte. Dabei beschränkte sie sich nicht nur darauf, diesen Stilwandel zu reflektieren, sondern forderte ihn durch neue ästhetische Vorgaben geradezu heraus.
 
»Die bloße Melodie bewegt in ihrer edlen Einfalt, Klarheit und Deutlichkeit die Herzen solchergestalt, dass sie oft alle harmonischen Künste übertrifft.« Dieser Satz aus Johann Matthesons Hauptwerk »Der vollkommene Capellmeister« (1739) enthält wie ein Motto wesentliche Bestimmungen der neuen Musikästhetik: Musik soll die Herzen bewegen und »rühren«. Das vermag sie nur durch die Melodie, die sich als »Klangrede« an der Sprache und am Gesang orientieren muss. Alles »Künstliche« und »Gelehrte« barocker Polyphonie wird weitgehend abgelehnt. »Einfach«, das heißt »natürlich« und »fasslich«, soll die Musik dem »Ohr« mehr geben als dem Verstand und daher alles »Schwierige« und »Schwülstige« vermeiden. Mattheson führt hier Gedanken weiter, die schon Jahrzehnte vorher in der französischen Musikästhetik anklangen, etwa in den »Réflexions critiques sur la poésie, la peinture et la musique« (1719) von Jean Baptiste Dubos. Dass sie sich rasch auch in Deutschland durchsetzten, zeigt etwa Scheibes Hamburger Wochenschrift »Der Critische Musicus«, in der die bekannte Polemik gegen Johann Sebastian Bach erschienen war. Die darin erhobenen Vorwürfe, es fehle Bachs Musik an »Annehmlichkeit« und sie habe ein »verworrenes Wesen«, mögen aus heutiger Sicht erstaunen, von den damaligen ästhetischen Forderungen her sind sie durchaus verständlich.
 
Eine weitere wichtige Quelle für die Musikanschauung und Musikausübung um 1750 ist der »Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen« (1752) von Johann Joachim Quantz. Über Fragen des Flötenspiels hinaus behandelt sein Lehrwerk die damalige Praxis musikalischer Ausführung, Wahl der Tempi, Arten der Begleitung, der Dynamik, Artikulation und Verzierungstechnik, aber auch ästhetische Positionen, etwa im Artikel »Ausdruck«. Aufschlussreich sind seine Beschreibungen des französischen und italienischen Stils. Die Aufgabe der deutschen Musik sieht er darin, die Wesensmerkmale beider Stile aufzugreifen und zu vereinen. Bis in die Anlage hinein von Quantz' Lehrwerk deutlich beeinflusst sind Carl Philipp Emanuel Bachs »Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen« (1753 und 1762) und Leopold Mozarts »Versuch einer gründlichen Violinschule« (1756).
 
Mit der Forderung, Musik solle »Ausdruck der Empfindungen« sein, verbindet sich in der ästhetischen Diskussion der Zeit der Begriff der »Nachahmung«, der ebenso wie »Affekt« und »Ethos« schon in der antiken Kunsttheorie eine Rolle spielte. Charles Batteux erklärte die »Nachahmung« in »Les beaux-arts, réduits à un même principe« (1746) sogar zum einzigen und grundlegenden Prinzip aller Künste. Die musikalische Nachahmung realer Klänge und Laute sei allerdings nur eine unterste Stufe. Als Kunst lässt Batteux - mit einer zeittypischen Wendung nach innen - die Musik erst dort gelten, wo sie zur »Nachahmung menschlicher Empfindungen« wird.
 
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erweiterte sich die Bestimmung des Musikalischen mit der Betonung des Leidenschaftlichen, der Kraft und Tiefe des subjektiven Ausdrucks. Charles Avisons »Essay on musical expression« (1752) und Daniel Webbs »Observations on the correspondence between poetry and music« (1769) haben diese musikalische Ausdrucksästhetik maßgeblich angeregt. Merkliche Impulse hierzu lieferten auch die Dichter des Sturm und Drang sowie die Werke Friedrich Gottlieb Klopstocks. Deren Vorstellungen vom Schaffenden lassen sich auch auf die Komponisten übertragen. Ihr Postulat einer neuen Freiheit, Spontaneität und Selbstherrlichkeit des Künstlers markiert somit das Ende einer Musikanschauung, die allerdings trotz gesteigerter »Empfindsamkeit« noch rationalistisch geprägt blieb. Die emphatische Proklamation des Geniehaften dagegen führte unmittelbar hinein in die klassischen und frühromantischen Strömungen des Jahrhundertendes.
 
Prof. Dr. Peter Schnaus
 
 
Geschichte der Musik, herausgegeben von Michael Raeburn und Alan Kendall. Band 1: Von den Anfängen bis zur Wiener Klassik. München u. a. 1993.
 
Die Musik des 18. Jahrhunderts, herausgegeben von Carl Dahlhaus. Sonderausgabe Laaber 1996.

Universal-Lexikon. 2012.

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